Delivery Hero: Q4-Zahlen

Heute hat auch Delivery Hero seine vorläufigen Q4-Zahlen veröffentlicht. Während Bestell- und Umsatzwachstum im Rahmen der Erwartungen lagen, enttäuschte vor allem der höher als erwartete operative Verlust (der auch unter meinen Erwartungen lag). Dies lag vor allem an dem weiterhin starken Ausbau des Dmart-Geschäfts, was sich noch in der Anfangsphase befindet und weiterhin hohe Investitionen benötigt. Das Restaurantliefergeschäft lief hingegen weiterhin gut, mit erhöhten durchschnittlichen Bestellwerten sowie einer weiteren Verbesserung der Deckungsbeitragsmarge. Die Deckungsbeitragsmarge des Liefergeschäfts lag in Q4 bei knapp 4% vom GMV, langfristig wird man diese auf 7-10% steigern müssen, um seine Ziele (5-8% AEBITDA vom GMV) erreichen zu können.  

In 2022 soll im Restaurantliefergeschäft von Delivery Hero (ex. Glovo) zum ersten Mal ein operativer Gewinn erzielt werden, inklusive Glovo soll dies zum ersten Mal im vierten Quartal diesen Jahres erzielt werden. Das Dmart-Geschäft wird auch in 2022 noch hohe Verluste schreiben, hier rechnet man mit knapp 550 Mio. €. Dies ist ebenfalls höher als von mir erwartet, anscheinend dauert es doch länger eine kritische Größe bei den täglichen Bestellungen pro Standort zu erreichen. Allerdings sollen laut Vorstand im Dmart-Geschäft die Verluste im aktuellen Quartal ihren Höhepunkt erreichen, um dann zurückzugehen.

Nachfolgend habe ich einmal meine angepassten Erwartungen für das operative Ergebnis des Plattformgeschäfts (inkl. Glovo) und des Dmart-Geschäfts dargestellt. Während das Plattformgeschäft wohl in H1 2023 profitabel wird, erreicht das Dmart-Geschäft die Gewinnschwelle ca. 1 Jahr später. Insgesamt wird Delivery Hero wohl ab der Jahreshälfte 2023 operative Gewinne schreiben. Dies entspricht auch meinen vergangenen Erwartungen.

eigene Darstellung

Die Zahlen wurden an der Börse jedoch überhaupt nicht gut aufgenommen, der höhere Verlust scheint hier die Hauptursache zu sein – gerade in der aktuellen Stimmungslage. Generell ist die erste negative Reaktion verständlich, allerdings ist die Aktie mittlerweile auch schon auf einem extrem niedrigen Niveau. Sollte man in 2024 2% operative Marge auf das GMV erzielen (was immer noch deutlich unter dem langfristigen Ziel von 5-8% liegt) und bei den aktuellen Verbesserungen realistisch erscheint, dann läge der operative Gewinn bereits bei gut 1 Mrd. €. Die aktuelle Marktkapitalisierung beträgt hingegen nur 13 Mrd. €.

Zusammengefasst befindet man sich also weiterhin auf dem Weg, die langfristigen Ziele zu erreichen und bei weiterhin hohem Wachstum die Marge stetig zu steigern. Im Laufe von 2023 wird der Gesamtkonzern wohl zum ersten Mal operative Gewinne schreiben, bis dahin könnte es jedoch noch ein holpriger Weg werden. Insgesamt muss ich jedoch natürlich auch meine eigene Einschätzung hinterfragen, denn obwohl die generelle Entwicklung meinen Erwartungen entspricht (stark steigende Umsätze bei stetig verbesserten Margen + schneller Aufbau des Dmart-Geschäfts), war die Aktienentwicklung zuletzt und besonders heute enttäuschend. Dies mag zu einem Teil an der allgemein negativen Stimmung für Wachstumswerte und unprofitable Unternehmen liegen, allerdings nicht ausschließlich.

Obwohl das Wikifolio langfristig ausgerichtet bleibt, muss auch ich zukünftig die kurzfristigen Entwicklungen und Ereignisse stärker berücksichtigen, da diese offensichtlich noch stärker im Fokus der Börse ist, als von mir gedacht. Ganz konkret wäre es in diesem Fall besser gewesen, in DH erstmal mit einer kleinen Position einzusteigen und abzuwarten, bis der Großteil der Aufbauverluste im Dmart-Geschäft vorüber ist (H1 2022). Danach oder aber wenn die Anleger die verzögerte Profitabilität eingepreist haben (wie es jetzt der Fall sein mag) wäre dann eine gute Gelegenheit gewesen seine Position weiter auszubauen.

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Tobi

    Hi Basti,

    Ouch, das tat weh. Ich denke nach wie vor, dass die langfristige Entwicklung des Unternehmens erfolgreich sein wird. Du hast es aber schon herausgehoben: es wird ein beschwerlicher Weg. Als Investment kommt es gerade deswegen auf einen langen Horizont an. Aber selbst wenn Delivery Hero irgendwann die Profitabilität erreicht, ist das investierte Geld bis dahin höchstwahrscheinlich Dead Money. Ob dass die Opportunitätskosten wert sind, weiß ich nicht. Danke jedenfalls Basti für deine unermüdliche Coverage!

  2. MaximJ

    Die Frage für die Zukunft lautet: werden Restaurants, die bei keiner App zu finden sind und Essen liefern wollen, gegen Restaurants konkurrieren können, die eben auf einer Plattform sind. Und welche Plattformen werden es sein? Womöglich diejenigen, die jetzt am aggressivsten wachsten. Ist die dominante Stellung erreicht, dann wachsen sicherlich auch die Margen.

  3. Kh

    Great summary.

    I though would disagree with 2023 turnaround. If the company is burning 550 (dmart) plus 330 (Glovo) this year, don’t think they can register profits in 2023. 2024 is possible as fundamentals are solid but they will have to make hard decisions on 1) Glovo portfolio and 2) shutting down some non performing dmarts. Not all dmart locations will perform consistently well! I also think DH should exit investment positions in JET, Rappi, Gorillas, Zomato, Roo this year as that will ease upcoming bond maturity related pressure.

  4. EX

    Heute berichtet ThePioneer über DH und fällt ein vernichtendes Urteil:

    – – – – – – – – – – – – – – – Zitat Anfang – – – – – – – – – – – – – – –
    (…) die Deutschland AG betrügt sich selbst und andere. Der von 30 auf 40 Unternehmen erweiterte DAX wurde auch deshalb erfunden, um die kärgliche Wertentwicklung der hiesigen Konzerne zu kaschieren und den Eindruck der mangelnden Innovationskraft zu verwischen.
    Durch die Aufnahme von zehn weiteren Unternehmen aus der zweiten, dritten und vierten Reihe bekam der DAX gewissermaßen einen Booster verpasst. Wie von Zauberhand stieg die kumulierte Marktkapitalisierung von rund 1,56 Billionen Euro auf nunmehr 1,79 Billionen Euro. Der Index wurde fett gemacht.
    Schon vorher stieg Delivery Hero in den DAX-30 auf – als Ersatz für die Betrugsfirma Wirecard. Bei Wirecard konnte man zumindest eine Zeitlang glauben, hier gebe es ein funktionierendes Geschäftsmodell. Bei Delivery Hero existiert ein solches bis heute nicht. Schon auf dem Höhepunkt des Hypes um diese Firma warnten wir an dieser Stelle am 19. August 2020 vor dem Herdentrieb der Analysten:

    Der kometenhafte Aufstieg der Firma Delivery Hero, die seit Längerem schon von Wirtschaftsredaktionen und Investmentbankern in Richtung Dax geschoben wird, weckt Zweifel. Insgesamt raten 13 Analysten zum Kauf, drei zum Halten – aber niemand zum Verkaufen. Diese Gleichförmigkeit ist nicht beruhigend, sondern verdächtig. “

    Heute, rund anderthalb Jahre später, setzt sich auch bei den Schwärmern von gestern die bittere Erkenntnis durch, dass diese Firma bisher nicht geliefert hat und womöglich auch in Zukunft nicht liefern wird. Die Anleger und Leser, die den damaligen Jubelarien folgten, zahlen ihre Gefolgschaft mit einem Wertverlust im XXL-Format. Die Aktie verlor gestern in wenigen Stunden fast ein Drittel ihres Wertes – rund 3,5 Milliarden Euro Anlegergeld wurden vernichtet: Delivery Zero.

    Die Reaktion der Börse folgt keiner Laune des Augenblicks, sondern ist die mit Verspätung einsetzende Erkenntnis, dass diese Firma eine Geldvernichtungsmaschine betreibt, die niemals in den DAX hätte aufgenommen werden dürfen. Hier die drei Gründe, die auch den Vorstand der Deutschen Börse AG – der für die damalige Entscheidung die Verantwortung trägt – nachdenklich stimmen sollten.

    Erstens: Die Geschichte von den steigenden Skalenerträgen erweist sich als Rechnung, die nicht aufgeht. Denn während sich der Umsatz bei Delivery Hero in 2021 steigerte, steigerte sich eben auch der Verlust. Das bereinigte Ebitda liegt bei Minus 781 Millionen Euro – im Vergleich zu 590 Millionen im Jahr davor.

    Zweitens: Die Firma verschiebt den Erfolg in die ungewisse Zukunft. Mit den kunstvoll errechneten Einzelrentabilitäten von Sparten versucht man die Anleger zu täuschen. Auf der Gesamtebene des Konzerns aber werden weiter operative Verluste von bis zu einer halben Milliarde Euro anfallen.

    Drittens: Delivery Hero ist auch deshalb hochriskant, weil es mächtige Konkurrenten gibt, die ihr Geschäft besser beherrschen. Aus Frankreich, den Niederlanden und aus dem großen südamerikanischen Markt Brasilien hat man sich bereits zurückgezogen. In Amerika ist man nicht vertreten und es gibt auch keine Absicht, dort anzugreifen. Mit Uber Eats – einer Tochter des Fahrdienstvermittlers Uber– sind Wettbewerber am Start, die wie Just Eat Takeaway und Amazon „Fresh“ globale Ambitionen besitzen. Der Markt der Bestell-Plattformen steht vor einer Konsolidierung.

    Mittlerweile sind die großen Analysehäuser umgekippt. Es herrscht eine deutlich skeptische Einstellung gegenüber Delivery Hero, was angesichts des gestrigen Kursverfalls nicht verwundern kann. Die Zeitschrift „Der Aktionär“ urteilt:

    Eine negative EBITDA/GMV-Marge heißt aber auch, dass der Konzern Lichtjahre von einem positiven Nettoergebnis entfernt ist. Und das in einem Umfeld, dass für Lieferdienste normalerweise perfekt ist. Sollte die Pandemie auslaufen und die Menschen zur Normalität zurückkehren, dürfte es noch schwieriger werden, Gewinne zu erzielen. “

    Fazit: Die Beförderung unreifer Firmen in den DAX vernichtet Anlegergeld und zerstört das Vertrauen in die hiesige Aktienkultur. Das Austauschen von Wirecard gegen Delivery Hero ist eine Realsatire, die man eher in der „ZDF heute-show“ vermutet hätte, als an der Frankfurter Börse. Oder um es mit Erich Kästner zu sagen:

    Die Dummheiten wechseln, und die Dummheit bleibt. “
    (…)
    – – – – – – – – – – – – – – – Zitat Ende – – – – – – – – – – – – – – –

    Das hier Zitierte entbehrt nicht einer gewissen Logik.
    Wie siehst Du das, Basti?
    Delivery Hero oder Zero?

    1. Bastian Brach

      Moin EX,

      ich hab heute Mittag bereits ein Update zu DH geschrieben, da steht bereits einiges drin.
      Aber nochmal konkret zu dem Artikel: Die Erkenntnisse daraus sind ja nicht neu. Es war auch vor 4 Monaten klar, dass 1. DH noch eine Weile Verluste schreibt, 2. man das Geschäft in 2 Bereiche einteilt (Plattform und Dmart; absolut sinnvoll, da sich beide Bereiche in völlig anderen Entwicklungsstufen befinden), 3. dass es Wettbewerber gibt. Dennoch hat The Pioneer diesen Artikel (wo sie auf ihre gelungene Einschätzung Mitte 2020 hinweisen) nicht nach den Q3-Zahlen veröffentlicht. Seitdem haben sich zwar vereinzelte Punkte verschlechtert (leicht höherer Verlust der Dmarts), die grundlegende Strategie und Richtung ist jedoch weiterhin völlig intakt.

      Ist der Absturz also damit zu erklären, dass das Geschäftsmodell auf einmal nicht mehr funktioniert, oder weil an der Börse aktuell unprofitable Unternehmen brutal bestraft werden? Ich gehe von Letzterem aus. Sehen wird man dies wohl erst in 2023/24 und mir ist auch klar, dass viele Anleger aktuell nicht diesen Zeithorizont haben, sondern sich auf die letzten Quartale konzentrieren.

      Und wenn man sich die Entwicklung von DH nicht nur oberflächlich anschaut, dann sieht man auch die Skaleneffekte und das Geschäftsmodell. Fast 3 Mrd. Bestellungen hat man in 2021 abgewickelt, es besteht also ganz klarer Bedarf nach der Dienstleistung. Zudem hat man die Marge im Konzern stetig gesteigert (siehe Bild aus dem Q4-Report) und ist in MENA seit Jahren profitabel.

      Hier einmal ein Link, was nach in den Jahren 2001/2002 über Amazon geschrieben wurde: https://www.cnbc.com/2021/10/12/jeff-bezos-shared-a-22-year-old-article-predicting-amazons-failure.html

      Dies soll natürlich kein Vergleich von Delivery Hero zu Amazon sein, aber zeigt sicher gut, dass der kurzfristige Aktienpreis oft das Narrativ beeinflusst. Letztlich kommt es auf aber nur auf eine Sache an: Wie entwickelt sich das Unternehmen? Kann Delivery Hero in den nächsten Jahren profitabel werden und weiter wachsen oder nicht?

      VG Basti

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