Börse zwischen Krieg, Notenbanken und Konsumentenangst – Ausblick auf Q3

In den letzten Monaten haben sich viele Makro-Faktoren weiter eingetrübt. Während es zwar vereinzelt Lichtblicke wie sinkende Öl- und Transportpreise gab, haben sich die Inflations- und Konsumentensorgen weiter verstärkt. Mittlerweile wird die Inflation in den USA vor allem von Nahrungsmitteln und Mieten aufrechterhalten und lässt die FED wohl noch bis Anfang 2023 die Zinsen erhöhen. Während sich das Konsumklima in den USA langsam wieder erholt sieht es für Europa umso schlechter aus. Hier ist auch kurzfristig nicht davon auszugehen, dass sich das europäische Verbrauchervertrauen bessert, solange die Angst vor einem kalten Winter herrscht.

Problematisch für die Aktienkurse von Wachstumsunternehmen sind aktuell vor allem die Unsicherheiten über Zinsentwicklung und Inflation, sodass die Kurse deutlich stärker gefallen sind, als man dies von den Geschäftszahlen eigentlich erwartet hätte. Allein der Anstieg der Zinsen (in Deutschland hat sich die Rendite der 10y-Bundesanleihe von negativen Werten auf knapp 2% erhöht) hätte in einem sonst normalen Umfeld bei Wachstumsaktien wohl zu einem Rückgang der Bewertung von 15-30% geführt. Doch trotz nur geringfügig verschlechterten Aussichten bsp. für Hellofresh und Delivery Hero (die im normalen Umfeld wohl nochmal zu einer Reduktion der Bewertung von 10-20% geführt hätten), liegen die Aktien 70-80% unter ihrem Höchststand. Gerade im E-Commerce wurden damit die gesamten Gewinne seit 2015 ausgelöscht, der GLORE-Index liegt mittlerweile auf dem Niveau der Auflage (Oktober 2015), Zalando hat trotz Umsatz-Verfünffachung ebenfalls wieder seinen IPO-Preis erreicht.

Diese Bewertungsproblematik wird sich wohl auch nicht verändern, solange Inflation und Konsumentenstimmung weiterhin so unberechenbar sind. Erst wenn sich bei beiden ein klar positiver Trend (sinkende Inflation und steigende Konsumentenstimmung in den USA) herausbildet, dürfte wieder mehr Wert auf die Unternehmensbewertung gelegt werden. Dann wird es darauf ankommen welche Wachstumsraten und welche Margen die Unternehmen nach der Krise erzielen können. Sollten E-Commerce-Unternehmen dann wieder auf ähnliche Werte wie vor Corona kommen, dann dürfte sich auch die Bewertung (abzüglich eines Bewertungsabschlags aufgrund der höheren Zinsen) wieder langsam der Unternehmensentwicklung anpassen. Solange (und leider weiß niemand wie lange diese Zeit noch anhält) bleiben die Bewertungen weiterhin unberechenbar und auch kurzfristige Anstiege von 30-40% – wie schon mehrmals in dieser Krise gesehen – geben noch keine Sicherheit, dass wir uns wieder in ruhigeren Fahrwassern befinden.

Mit Blick auf die Q3-Ergebnisse, die in rund einem Monat veröffentlicht werden, wird sich wohl das bisherige Bild bestätigen: Gerade in Europa werden die Konsumenten zurückhaltender, was zu weiteren Warnungen von Unternehmen führen könnte, während das Bild in den USA zwar auch nicht rosig, aber zumindest etwas besser aussieht.

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Peter

    Hi Basti,
    mit welchem Umsatz und welcher Marge rechnest du bei Hellofresh und Delivery Hero in Q3?
    Gruß Peter

    1. Bastian Brach

      Moin Peter,

      bei Hellofresh rechne ich mit rund 1,8 Mrd. € Umsatz bei schwächeren Kundenzahlen sowie rund 5% AEBITDA-Marge, welche dann in Q4 wieder deutlich ansteigen sollte.
      Bei Delivery Hero rechne ich mit 10,4 Mrd. € GMV und einer weiter ansteigenden CM-Marge. AEBITDA-Marge wird dann erst wieder zum H2 bekanntgegeben, aber ich gehe davon aus, dass DH seine Ziele für das Plattformgeschäft (40-120 Mio. € AEBITDA in Q4) am oberen Ende der Spanne erreichen wird.

      VG Basti

  2. Typi

    Hallo Basti, was sagst du zu Zalando? Mein EK liegt bei 80 Euro …

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